
Canidelo Porto
Architektur, Innenarchitektur
Das Projekt Canidelo umfasst die Sanierung und den Wiederaufbau einer historischen Granitruine an der Rua do Barroco in Canidelo, Vila Nova de Gaia. Das ist eine Küstengemeinde am Südufer der Douro-Mündung gegenüber von Porto. Das Gebäude, ein traditioneller Granitbau mit zweigeschossigen ockerfarben verputzten Wänden und eingestürztem Terrakottadach, wurde als Ruine erworben und von Joana Margarida Oliveira Cardoso mit dem Umbau zu Wohnzwecken beauftragt. Die Bauarbeiten begannen im Februar 2021, mit aktivem Abriss und statischen Eingriffen im September und Oktober 2021 sowie einer im Juni 2022 formalisierten Ausführungsdokumentation. Das Projekt wurde abgeschlossen. Die Architektur wurde unter der Leitung des lizenzierten portugiesischen Architekten Jose Pimenta Dias da Silva ausgeführt, wobei Rise Studio Porto die Konzeptentwicklung und Innenarchitektur übernahm.
Die Entwurfsstrategie erhält die historischen Granitmauern als primäre räumliche und strukturelle Hülle und fügt zeitgenössische Volumen innerhalb und oberhalb der bestehenden Schale ein. Der vorhandene Stein wird weder verborgen noch imitiert: sein grob behauener Charakter und sein authentisches Materialgewicht sind das gestalterische Konzept. In diesen Rahmen werden sichtbare, rot lackierte Stahl-I-Träger als prägendes Konstruktionselement eingebracht, die zwischen den erhaltenen Granitwänden spannen, um neue Geschoss- und Dachkonstruktionen zu tragen. Der Kontrast zwischen dem uralten Stein und dem industriellen roten Stahl ist bewusst gesetzt und deutlich ablesbar: zwei unterschiedliche materielle Zeitebenen im Dialog.

Das Raumprogramm gliedert sich in drei unterschiedliche Zonen, die über den unregelmäßigen historischen Grundriss verteilt sind. Zone A umfasst Küche und Wohnbereich. Zone B beherbergt zwei Schlafzimmer und ein Badezimmer. Zone C bietet den Carport. Jede Zone besitzt ihren eigenen Charakter. Zone A erreicht unter einem zeitgenössischen Flachdach mit sichtbaren roten Stahlträgern eine Deckenhöhe von 3,22 Metern im Wohn- und Küchenvolumen, während Zone B über dem Schlafzimmertrakt ein geneigtes Terrakottadach beibehält und damit den traditionellen Maßstab und die materielle Identität der ursprünglichen Gebäudesilhouette bewahrt. Flach über dem Wohnbereich, geneigt über dem Schlafbereich: allein die Dachlinie sagt, was in welchem Teil des Hauses passiert.

Der 31-blättrige Ausführungsplansatz dokumentiert das Projekt in drei Maßstabsebenen. Der Erdgeschossgrundriss im Maßstab 1:100 legt die räumliche Organisation und die topografische Reaktion auf das abfallende Grundstück fest. Schnitte im Maßstab 1:50 zeigen die Deckenhöhen, die Tragwerksstrategie und die Beziehung zwischen den Zonen. Konstruktionsdetails im Maßstab 1:5 und 1:20 spezifizieren die Materialanschlüsse: Flachdach-Wandanschlüsse mit umgekehrten Warmdachschichten und Cappotto-Dämmung, Schlafzimmerfenster-Einfügungen in bestehende Granitlaibungen, Innentürstürze aus Gipskarton sowie LED-Voutenbeleuchtung am Anschluss des Satteldachs. Jedes Detail löst die grundlegende Herausforderung dieses Gebäudetyps: wie neue Konstruktion auf alten Stein trifft, ohne einen von beiden zu verfälschen.



Die Abrissfotografien dokumentieren die während der Eingriffe im Oktober 2021 freigelegte Bauarchäologie: ein kräftig blau gestrichenes Zimmer, entdeckt unter späteren Putzschichten, mehrere Generationen von Oberflächenbehandlungen auf dem Granitmauerwerk, eingestürzte Holzdachkonstruktion und den Innenraum füllenden Steinschutt. Diese Schichten dokumentieren eine häusliche Geschichte, die sich in den Wänden angesammelt hat. Das Gebäude war über mehrere Jahrzehnte hinweg bewohnt und angepasst worden, bevor es leer stand und diese Sanierung schließlich begann.



